Versuchen Sie einmal, sich für Ihre eigene Ernährung folgendes vorzustellen:

jeden Tag getrocknete Nudeln oder Kartoffeln, eventuell ab und zu getrockneter Reis. Dazu gibt es einige Streifen Trockenfleisch oder getrocknetes Gemüse. Als Ergänzung dieser "Schlemmermahlzeiten" gibt es am Tag mal eine 1/2 Banane, eine Möhre oder etwas Apfel. Natürlich erhalten sie auch getrocknete Kräuter...
Ergänzt wird das Ganze mit einer Flasche voll Wasser in ca. 1,50m Höhe, aus der sie Ihren Durst löschen können. Was - meinen Sie - wären wohl die Folgen einer solchen "artgerechten" Ernährung?

Für die Einsatz des Futtermittels "Heu" werden vorrangig folgende Gründe und Rechtfertigungen gebraucht:
- Wildkaninchen kann man nicht mit Hauskaninchen vergleichen
- Heu ist gut für die Verdauung (wegen der Rohfaser)
- Heu ist wichtig für den Zahnabrieb (wegen der Härte der getrockneten Pflanzen)

Gegen den Einsatz von Heu gibt es scheinbar keine Argumente - scheinbar. Denn entweder sind Gründe, die gegen den Einsatz als Hauptnahrungsmittel sprechen, nicht bekannt, oder sie werden ignoriert.

Für das Wildkaninchen gibt es Situationen, in denen es sich mit minderwertigen Pflanzen(-resten) begnügen muss. Das sind z. B. lange, strenge Winter mit viel Schnee und gefrorenen Böden sowie lang anhaltende und nasse, kühle Sommer. In diesen Zeiten des Nahrungsmangels steigt auch die Sterblichkeitsrate unter den Kaninchen. Ansonsten ernährt es sich den größten Teil des Jahres von den blättrigen Pflanzenbestandteilen, die arttypisch für Kaninchen sind:

· verschiedene Gräser (vor allem Süßgräser),
· verschiedene (Un)Kräuter
· Blätter von Sträucher und Bäumen.

Dieser Anteil beträgt ca. 60% der gesamten Nahrung (Allgöwer 2005). Im Winter wird der fehlende Teil durch Knollen, Rinde, Kulturpflanzen wie Wintergetreide und anderen pflanzlichen Bestandteilen ersetzt.

Wildkaninchen sind recht robust und werden nur krank, wenn es durch äußere Umstände bedingt wird - wie eben z. B. durch lang anhaltende, widrige Witterung. Heimkaninchen dagegen leiden an allen möglichen Krankheiten… Warum ist das so? Eine mögliche Antwort ist recht einfach und liegt auf der Hand: Heimkaninchen werden in aller Regel mit etwas als Grundnahrung „versorgt", was über 50% weniger Nährstoffe als die Grundnahrung der Wildkaninchen hat - nämlich mit Heu. Diese Pflanzen(-teile) haben einen Rohfasergehalt von etwa 2 - 6% und einen Wassergehalt von ca. 80 - 90%. Aus dieser natürlichen und arttypischen Nahrung wird durch Trocknung Heu. Die getrockneten Pflanzen(-teile) haben eine Rohfasergehalt von 18 - 35% und einen Wassergehalt von weniger als 14%.

Nach Nehring (1970) gehen selbst unter günstigen Witterungsbedingungen bei der Heuewerbung auf dem Boden etwa 30% der verdaulichen Nährstoffe, bei ungünstigen über 50% verloren. Bei schlechtem Wetter, vor allem beim 2. Schnitt, können auf Grund kürzerer Tage und somit längerer Trocknung nahezu alle Nährstoffe verschwinden - zurück bleibt ein Rest, der kaum als Futter betrachtet werden kann. Der Verlust betrifft vorrangig die Blätter - sie enthalten die meisten der wertvollen Bestandteile wie Proteine, Vitamine, Fettsäuren usw. und gehen durch mechanische Belastungen bei Ernte, Wenden und Einbringen verloren. Durch die Lagerung entsteht monatlich ein weiterer Verlust von etwa 5%.

Auf dem Bild ist ein Pflanzenblatt dargestellt: in braun die Leitungsbahnen (Nerven) und in grün die eigentliche Blattfläche (Spreite). Die Spreite ist das, was die Nährstoffe enthält und bei der Ernte, Trocknung und Lagerung als "Bröckelverluste" durch mechanische Einwirkungen größtenteils verloren geht. Es bleiben die braunen Bestandteile, die auf Grund höherer Cellulose- und Ligninanteile schlechter verdaulich sind.

Diagramm 1: Vergleich einiger Merkmale von Heu und frischer Wiese. Heu ist die heute übliche Hauptkomponente der Fütterung in der Heimtierhaltung - frische Wiese die Hauptkomponente der Nahrung von Wildkaninchen.

Wenger (1997) gibt an, dass ausreichend schmackhafte und rohfaserreiche Futtermittel bzw. Komponenten mit niedrigem Energiegehalt als Ergänzung energiereicher Rationen angeboten werden können, um die Gefahr von Verfettung und Verdauungsstörungen zu reduzieren. Zwar wäre in diesem Fall Heu am effektivsten, aber auf Grund der geringen Energiedichte und z.T. nur marginalen Mineralstoff- und Vitamingehalte nur als Ergänzung geeignet.

In Untersuchungen von Patton & Cheeke (1981), Morisse et al (1985), Herrmann (1989), Burke (1992) sowie Kermauner & Struklec (1996) wurden durch hohe Rohfasergehalte in Futterationen eine Erhöhung der Ammoniakkonzentration im Blinddarm, vermehrt Durchfälle, eine erhöhte Anfälligkeit für ME (Mukoide Enteritis) sowie steigende Todesraten konstatiert - bei Rohfasergehalten von 22% in der Ration als auch mit einem Futter mit moderaten Anteilen von 15 - 20%, aber zusätzlicher Gabe von faserreichem Material wie Heu und Stroh (siehe auch Rohfaser).

Trockenfutter und Heu (das eigentlich auch nur ein Trockenfutter ist) sind Nahrungskonzentrate. Das heißt, durch das fehlende Wasser konzentriert sich unter anderem die Rohfaser in einem kleinen Volumen. In frischer Wiese nimmt das Kaninchen deutlich größere Mengen an Nahrung mit wenig Rohfaser auf, weil durch das Wasser das Volumen der Nahrung sehr groß ist, der Trockenmassegehalt aber gering. Nach Schlolaut (2003) sind Kaninchen so in der Lage, bis zu 55% ihres Körpergewichts aufzunehmen. Mit Heu als Hauptnahrungsbestandteil funktioniert das natürlich nicht, da die schwer verdaulichen Bestandteile und der hohe Trockenmassegehalt die Aufnahme bremsen bzw. ein Gefühl der mechanischen Sättigung (nicht durch den Nährstoffgehalt verursacht!) verursacht.

Bodentrocknung von geschnittenem Grün - dadurch gehen viele Nährstoffe verloren. Vor allem wenn es während des Trocknungvorgangs regnet, werden viele Nährstoffe ausgewaschen.

Durch die Schwadarbeiten (Wenden des Heus) gehen vor allem die blättrigen Bestandteile der Pflanzen verloren - sie enthalten die meisten Nährstoffe.

Nach der Trocknung wird das Heu zu Ballen gepresst.

Die Qualität von Heu ist von sehr vielen Faktoren abhängig - unter anderem von:

· der Zusammensetzung (Gräser/Kräuter, schmackhafte/ungenießbare/giftige Pflanzen usw.)
· den Bodenverhältnissen, auf denen die Pflanzen wachsen
· der Witterung während des Wachstums
· der Düngung des Bodens (verwendeter Dünger oder ohne Düngung)
· dem Zeitpunkt der Ernte
· der Art der Vortrocknung (Boden/Reuter/Heißluft, wie und wie oft gewendet, Restfeuchte bei Einlagerung…)
· der Witterung während der Vortrocknung
· der Art und Weise der Trocknung und Lagerung
· Verunreinigungen (Dreck, Erde, Kot von Schädlingen wie Mäuse und Ratten)
· der Belastung durch enthaltene Bakterien und Pilze
· dem Alter des Heu (beim Verkauf).

Der Gehalt an Mineralien im Heu ist sehr hoch, was unter anderem Blasen-/Nierenkrankheiten begünstigen kann. Der Gehalt an Rohprotein und Rohfett sagt nichts über die Wertigkeit in Bezug auf essentielle Nährstoffe aus, ebenso wenig über deren Verdaulichkeit.

Am größten sind die Verluste bei der Bodentrocknung, am geringsten durch die industrielle Warmlufttrocknung - im schlimmsten Fall enthält das Heu nur noch schlecht verdauliche Rohfaser - energiehaltige Nährstoffe sind zum größten Teil verloren gegangen. Was das Heu enthält, weiß keiner wirklich genau.

Diagramm 2: Die Qualitätsschwankungen zeigen sich unter anderem im Rohfasergehalt. Von Voigtländer (1987) wurde Heu aus verschiedenen Jahrgängen und Regionen in Bezug auf die Rohfasergehalte ausgewertet.

Die Rohfaser schwanken in einem weiten Bereich von etwa 18 - 36%, wobei die meisten Proben einen Rohfasergehalt von ca. 26% in der Frischesubstanz aufwiesen. Als Hauptnahrungsmittel ist ein solches "Futter" denkbar schlecht geeignet.

In den Anfängen der Kaninchenhaltung wurden die Tiere in Gehegen unter relativ natürlichen Bedingungen gehalten. Später ging man dazu über, sie in Ställen mit anderem Vieh gemeinsam zu halten. Aus dieser Zeit stammt der Begriff der „Kuhhasen". Die Tiere fraßen von dem frischen Futter, welches den Rindern, Ziegen, Schafen usw. vorgelegt wurde. Zusätzlich erhielten sie Reste aus der Küche. Außerdem standen ihnen das Heu und Stroh zur Verfügung. Auch in der Stallhaltung erhielten die Tiere größtenteils frisches Grün und Reste menschlicher Nahrung wie z. B. gedämpfte Kartoffeln und Gemüseresten. Als Zusatz und zur Vorbeugung von Darmerkrankungen, die auch früher schon gefürchtet waren, wurde Heu und Stroh gefüttert. Die Zunahme der Fütterung mit industriellem Fertigfutter verdrängte die althergebrachte Fütterung mit weitgehend natürlicher Nahrung. Mit dem Aufkommen der Heimkaninchen wurde entweder ebenfalls Industriefutter gereicht, oder das, was aus Oma's Zeiten übrig geblieben war: Heu - allerdings ohne die vermeintlich „schädlichen" Zusätze wie Küchenreste oder gar das relativ aufwendig zu beschaffende, frische Grün.

Besonders bestimmte Organisationen/Vereine/Foren, die sich dem „Schutz" von Kaninchen verschrieben haben, propagieren eine Fütterung, die fast ausschließlich aus Heu und Gemüse/Obst bestehen soll. Der fachliche Hintergrund für manche Empfehlungen ist jedoch zumeist außerordentlich unzureichend und somit eher schädlich für die Tiere.

Ohne die genaue Zusammensetzung und den Nährstoffgehalt von Heu zu kennen, wird es als Hauptnahrungsmittel für Kaninchen in der Heimtierhaltung empfohlen.

Um so eifriger ist man dabei, die Zusammensetzung von Trockenfuttern akribisch zu studieren und zum Beispiel auf die Nachteile von Melasse hinzuweisen. Ohne Sinn und Verstand werden mengenunabhängig Zusätze verteufelt, die sich zum Teil in homöopatischen Mengen in solchen Futtern finden. Der Zuckeranteil im Heu liegt zum Teil um das Zehnfache höher als der von Melasse in Futtermitteln.

Erstaunlicherweise findet man selbst bei Tierärzten eine zweifelhafte Darstellung des Wertes von Heu und der Verwertungsmöglichkeit durch das Kaninchen. Auf den Seiten einer im Web publizierenden Tierärztin findet sich sinngemäß die Aussage, dass Kaninchen in der Lage wären, aus zellulosereichen Futtermitteln - welche keinerlei sonstigen Inhaltsstoffe wie Proteine, Fette, Kohlenhydrate oder Vitamine beinhalten müssen - alle für sie essentiellen Nährstoffe selbst zu synthetisieren.

Diese Aussage ist falsch und gefährlich. Genau dazu sind Kaninchen - wie auch andere Tiere oder der Mensch - nicht in der Lage. Bestimmte, essentielle Nährstoffe können nur über die Nahrung aufgenommen werden. Die Caecotrophie, auf die sich die Aussage bezieht, kann nicht einmal den täglichen Proteinbedarf der Tiere decken, von essentiellen Aminosäuren ganz abgesehen.

Oft wird ein „gutes Pferdeheu" für Kaninchen angepriesen. Gerade hier ist Vorsicht geboten, denn für viele Pferdebesitzer ist ein ausgesprochen nährstoffarmes und altes Heu für ihre Tiere sehr gut. Gutes Pferdeheu im Sinn von nährstoffreich wird vorwiegend an Arbeits- und/oder Sportpferde gefüttert, die hohe Leistungen erbringen müssen. Pferde verwerten zudem die Rohfaser wesentlich effektiver als Kaninchen.

Ein weiterer, wesentlicher Nachteil von Heu ist sein niedriger Feuchtigkeitsgehalt - er beschränkt zusätzlich die Aufnahme. Es entsteht ein Flüssigkeitsmangel, der Blasenerkrankungen Vorschub leistet. Die Tiere müssen zusätzlich viel trinken, was aber nur wenige tun. Kleine, harte Kotkügelchen weisen auf einen solchen Flüssigkeitsmangel hin (siehe auch unter Wasser).

Durch zuviel trockene Nahrung wie Heu besteht ebenso die Gefahr von Verstopfungen. Sehr häufig liest man von ratlosen Haltern, die (ihrer Meinung nach) mit Heu und Gemüse zwar alles richtig machen, deren Kaninchen aber unter Verstopfung leidet (der Fachbegriff dafür lautet "Koprostase" und ist auch einigen Menschen unangenehm bekannt). Ein Grund für Verstopfungen kann eine zu trockene Ernährung sein. Fekete (1993) weist darauf hin, dass Rohfasergehalte von > 22% häufig zu Blinddarmverstopfungen und Koprostasen führen. Dies wäre sicher auch ein wichtiger Hinweis für Tierärzte, die Verstopfungen schnell auf Bezoare (Haarballen) oder Aufgasungen auf Frischfutter zurückführen.

Mit Blick auf den Nährstoffgehalt wird heute versucht, Kräuter in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken - natürlich in getrockneter Form - also im Prinzip auch nur wieder Heu.

Mit Begeisterung werden vor allem in so genannten "Tierschutz"- bzw. "Kaninchenrettungs"-Foren getreidefreie Briketts, Kräuterheu und ähnliche Dinge, die als Nahrungsersatz dienen sollen, gefeiert. Doch auch auf diese Art ernährte Kaninchen füllen die Krankheitsseiten dieser fragwürdigen "Beratungsstellen", deren Krankheiten dann aber recht publikumswirksam an Züchter weitergereicht werden. Abgesehen davon, dass einige Foren Aufklärung über artgerechte Ernährung von Kaninchen ablehnen, scheitern andere an Haltern, die gar nicht gewillt sind, ihre Tiere artgerecht zu ernähren - denn das erfordert Aufwand.

"Heu und Gemüse" ist eine Futterkombination, die man, wenn sie als Hauptnahrung ganzjährig gegeben wird, als nicht artgerecht bezeichnen darf. Das wasserreiche Gemüse, welches heute in Gewächshäusern mit Nitraten reichlich gedüngt in kürzester Zeit gezogen wird, dient allerdings dazu, das Kaninchen mit Flüssigkeit zu versorgen, die es sicher oft nicht ausreichend zusätzlich aufnimmt. Das kann bei einer Fütterung mit vorwiegend getrockneten Futterstoffen fatal sein - insbesondere in Hinblick auf Blasenschlamm/-steine und Nierenerkrankungen sowie Verstopfungen. Der Wert von Gemüse in Bezug auf wichtige Nährstoffe wird dabei überschätzt - weil selten gewusst. Viele Vitamine gehen bereits kurz nach der Ernte verloren, weitere auf dem Transport in die Supermärkte und während der Lagerung. Vor allem Wurzelgemüse wie Rüben oder Karotten sind Kohlenhydrat- und relativ wasserreich, arm an Rohfaser, Rohprotein, Calcium, Magnesium und Vitaminen (außer ß-Carotin in der Karotte) und wegen des niedrigen Rohfaser-Gehaltes allgemein hoch verdaulich. Die Proteinzusammensetzung ist weniger wertvoll als das der "Wiese" (siehe auch "Aktuelles/ Ausgewogene Ernährung am Beispiel der Proteine (Eiweiße)".

Aber…
… trotz des vorher geschriebenen: Heu sollte immer ad libitum angeboten werden. Wir bieten es auch im Sommer an - die Tiere fressen es zwar nicht, aber sie könnten, wenn sie wollten… Heu ist als Beifutter wichtig, um Verdauungsstörungen zu begegnen, die z. B. durch zu energiereiches Futter ausgelöst werden, außerdem dient es der Beschäftigung. Manche Tiere nehmen es instinktiv auf, wenn sich Störungen im Verdauungstrakt ankündigen. Bei ausreichendem Grünfutterangebot wird es jedoch, wenn überhaupt, nur noch in geringen Mengen gefressen.

Beim Kauf von Heu sollten einige wesentliche Dinge beachtet werden:

· es sollte möglichst grün sein - braune bzw. dunkle Pflanzen im Heu weisen darauf hin, das es während der Lagerung zu warm geworden ist, sehr helles Heu wurde zu lange in der Sonne getrocknet (hoher Nährstoffverlust)
· wird das Heu in Kunststoffbeuteln angeboten, dürfen diese nicht von innen feucht/beschlagen sein (Schimmelgefahr!)
· es sollte einen möglichst hohen Blattanteil haben
· es sollte wenig Staub enthalten - Reste wie Staub oder sehr feinteilige Bestandteile aus Tüten sollten auf keinen Fall verfüttert werden
· es sollte riechen, und zwar nach Wiese - nicht muffig

Geben Sie für gutes Heu ruhig einen Euro mehr aus - Sie werden es an Tierarztkosten wieder einsparen. Ansonsten sollte auch der Halter, der frisches Grün nicht beschaffen kann oder will, seine Tiere täglich abwechslungsreich ernähren. Damit ist eine große Auswahl innerhalb der täglichen Futterration gemeint, nicht ein täglicher Wechsel des Futters! Um einen ausgeglichenen Wasserhaushalt zu gewährleisten und dem natürlichen Nahrungsspektrum der Tiere zu entsprechen sollte die Hauptnahrung möglichst aus blattreichem Futter bestehen. Dazu eignen sich Möhrengrün, Kohlrabiblätter (nicht blähend), Staudensellerie, Rucola, Feldsalat, Endivie, Chinakohl und vieles mehr. Durch den hohen Wassergehalt muss man sich auch keine Sorgen um Mineralien wie z. B. Calcium machen, da diese mit der aufgenommen Flüssigkeitsmenge beizeiten wieder ausgeschwemmt werden.

 

Mit relativ geringem Aufwand kann man Heu selbst "herstellen". Das geschnittene Grün wird locker auf Holzrahmen, die mit Drahtzaun ("Hühnerzaun") bespannt sind, ausgebreitet. Diese werden übereinander gestapelt und an einem schattigen Platz gestellt. So lässt sich auch auf einem Balkon mit wenig Platz Gras trocknen. Das Heu wird anschließend in Stoffsäcke gepackt und kühl, luftig und trocken gelagert. (zum Thema Heu siehe auch die Wiki von Degupedia)

Vergleich zwischen selbst getrocknetem Grün (links) und sehr gutem, kommerziellen Heu (rechts)

Ein jeder wird wohl die Frage nach der Hauptnahrung der Wildkaninchen ziemlich treffsicher mit "Gras und Kräuter" beantworten.

Warum sollen dann Hauskaninchen als Hauptnahrung Heu fressen?

Ein großer Vorteil des frischen Grüns ist der hohe Wassergehalt. Er verdünnt gewissermaßen den Gehalt an festen Bestandteilen wie z.B. Mineralien (Calcium) und versorgt das Tier auf natürliche Weise mit der lebensnotwendigen Flüssigkeit. Weitere Vorteile sind natürlich die enthaltenen Nährstoffe, die frisch und unbeeinträchtigt von Trocknung und Lagerung der Ernährung dienen.

Oft wird vor dem Calcium in verschiedenen Futtermitteln gewarnt. Kaninchen nehmen es nicht bedarfsorientiert auf, sondern in der Menge, wie es die Futtermittel enthalten.

Frisches Grün enthält so viel Wasser, dass die überschüssige Menge mit dem Urin wieder ausgeschieden wird. Vor allem Jungtiere im Wachstum und ältere Tiere benötigen Calcium als einen wichtigen Baustein für die starke Knochen.

Im Heu liegen Mineralien wie Calcium auf Grund der Trocknung in konzentrierter, also hoher Menge vor. Die Tiere müssen also zusätzlich viel Wasser trinken. Viele nehmen jedoch aus verschiedenen Gründen zu wenig Wasser auf.

Sobald die Jungen das Nest verlassen, fressen sie das, was sie vorfinden und was ihre Mutter frisst. Nach den trockenem Nestmaterial geht es nun an die frischen Pflanzen in der unmittelbaren Umgebung.

So wird langsam die Darmflora aufgebaut.

Sind die Jungen von Anfang an die natürliche, artgerechte Nahrung gewöhnt, werden sie zu kräftigen und vitalen Tieren heranwachsen. Bei ausreichendem Auslauf an frischer Luft mit der entsprechenden Bewegung werden Krankheiten keine Chance haben.

Vergleich verschiedener Futtermittel

Der Vergleich in der obigen Übersicht zeigt die Eigenschaften von 3 verschiedenen Futtermitteln, die heute hauptsächlich für die Fütterung von Kaninchen eingesetzt werden. Trockenfutter als Hauptkomponente der Fütterung wird vorrangig von Züchtern und in der Masttierhaltung eingesetzt. Heu findet sich fast ausschließlich in der Heimtierhaltung und wird oft von Tierärzten, Dozenten und Tierschützern als Grundnahrung empfohlen. Frisches Grün dagegen wird eher skeptisch betrachtet und nur von wenigen, enthusiastischen Haltern und auch Züchtern in der Vegetationszeit als Hauptfuttermittel eingesetzt. Der Aufwand dieser Art Fütterung ist vergleichsweise hoch und birgt einige Risiken, die jedoch leicht beherrschbar sind.

Anmerkung: Im Buch ist bei der Projekterstellung ein Fehler unterlaufen. Das Komma in den Zahlenangaben für Kalzium ist dort um eine Kommastelle nach rechts gerutscht. Ich bitte, diesen Fehler zu entschuldigen.

  Pro Kontra
Trockenfutter (Pellets) - leicht zu beschaffen - nicht artgerechtes Futter
- einfache Lagerung - Futterkonzentrat
- Inhaltsstoffe bekannt - schnell sättigend
  - kurze Fresszeiten
  - unstrukturierte Rohfaser
  - niedriger Feuchtigkeitsgehalt
Wiese (Kräuter, Gras) - artgerechtes Futter - nicht einfach zu beschaffen
- ausgewogener Nährstoff-, Rohfaser und Feuchtigkeitsgehalt - bedingte Lagerfähigkeit
- Inhalt bekannt (selbst gesammelt) - Ansteckungsgefahr
Heu - leicht zu beschaffen - unbekannte Zusammenensetzung
- einfache Lagerung - unbekannter Nährstoffgehalt
  - sehr hoher Rohfasergehalt
  - niedriger Wassergehalt
   

Betrachtet man die Vor- und Nachteile genauer, stellt man fest, dass die Vorteile bei einer Trockenfutter-/Heufütterung auf Seiten des Halters liegen, die Nachteile beim Tier.

Für frisches Grün liegen, bis auf eine Ansteckungsgefahr mit Myxomatose oder RHD durch kontaminierte Pflanzen, alle Vorteile beim Tier, die Nachteile des höheren Aufwandes beim Halter.

Die Ansteckungsgefahr mit Myxomatose ist jedoch als gering einzuschätzen - die Übertragung durch stechende Insekten ist viel wahrscheinlicher. Eine Impfung gegen Myxomatose ist nicht hundertprozentig sicher. Die Entscheidung, wer die Vorteile der Ernährung genießen darf, liegt beim Halter. Er sollte sie aber im Sinne des Tieres treffen.
In der Fachliteratur wird heute in der Futterration ein Rohfasergehalt von ca. 15%
empfohlen - für die intensive Mast von Kaninchen. Die Pellets enthalten Bestandteile, die in verschiedenen Produktionsprozessen klein gemahlen, durch Matrizen gepresst und anschließend auf Länge geschnitten werden. Im Magen und Darm der Tiere zerfallen diese Pellets wieder in ihre hochverdaulichen, kleinen Bestandteile, die den Verdauungstrakt nur langsam passieren. Da die Rohfaser nur noch in sehr kleinen Fragmenten vorliegt, muss die Menge von 15% diesen Mangel kompensieren.

Arttypische Kaninchennahrung enthält Rohfaser in einer Menge von ca. < 10%. Diese ist gekennzeichnet durch natürlich erhaltene (strukturierte) Rohfaser in einer angemessenen Menge.

Heu wiederum enthält bis zu 35% Rohfaser und Mineralien wie Calcium in hohen Mengen. Der hohe Rohfasergehalt im relativ nährstoffarmen Heu schränkt die Verdaulichkeit auch anderer Komponenten ein und kann auf lange Sicht zu Mangelerscheinungen führen. Das ist der Grund, warum von erfahrenen Kaninchenhaltern und -züchtern das Heu mehr als Beschäftigung denn als Ernährungsgrundlage empfohlen wird.

Quellen:
Fekete (1993): Fekete, S.: Ernährung der Kaninchen; in: Ernährung monogastrischer Nutztiere, Kapitel 4; Wiesemüller, W. und Leibetseder, J. [Hrsg.], G. Fischer; Jena, Stuttgart; 1993; ISBN: 3-334-60428-4

Schlolaut (2003): Schlolaut, W. (Hrsg) in Zusammenarbeit mit Lange, K.: Das große Buch vom Kaninchen; 3., erw. Aufl.; Frankfurt am Main; DLG-Verl., 2003; 488 S.; ISBN 3-7690-0592-9

Kamphues, J. et al. (2004) Kamphues, J.: Coenen, M.; Kienzle, E.; Pallauf, J.; Simon, O.; Zentek, J. unter Mitarbeit von: Iben, C.; Kölle, P.; Männer, K.; Vervuert, I.; Wolf, P.: Supplemente zu Vorlesungen und Übungen in der Tierernährung; begründet von Meyer, H.; Verlag M. & H. Schaper; Alfeld-Hannover; 10., vollst. überarb. u. erg. Aufl.; 2004; ISBN 3-7944-0205-7

Nehring, K. (1972): Lehrbuch der Tierernährung und Futtermittelkunde. Neumann-Verlag Radebeul und Berlin. 9. neubearb. u. erw. Aufl.

Wenger (1997): Wenger, A.; Vergleichende Untersuchungen zur Aufnahme und Verdaulichkeit verschiedener rohfaserreicher Rationen und Futtermittel bei Zwergkaninchen, Meerschweinchen und Chinchilla; Hannover, Tierärztl. Hochsch., Diss.; 1997