Ein wichtiges Mineral in der Ernährung des Kaninchens ist Calcium. Leider ist es seit einiger Zeit regelrecht in Verruf geraten. Grund dafür ist eine häufige Erkrankung - Kalzinose genannt. Dabei handelt es sich um Konkremente (Ablagerungen) von ehemals gelösten Stoffen wie Calcium, die sich im Körper ansammeln. Ursachen dafür können eine genetische Veranlagung, das Alter und eine falsche Ernährung sein. Letztere dürfte die häufigste Ursache sein. Kaninchen nehmen Calcium über die Nahrung auf. Die Aufnahme erfolgt dadurch nicht bedarfsorientiert, sondern entspricht der Menge, die in den jeweiligen Futtermitteln enthalten ist. Überflüssiges Calcium wird über die Niere mit dem Urin ausgeschieden. Aus diesem Grund ist bei einem gesunden, erwachsenen Tier mit natürlicher Ernährung der Urin trüb (weiß) eingefärbt, klarer Urin kann auf einen Kalziummangel hinweisen. Bei Jungtieren ist es möglich, dass das aufgenommene Calcium komplett für das Knochenwachstum verwendet wird und deshalb der Urin klar ist. Kaninchen haben naturgemäß deutlich höhere Calcium-Serumwerte als andere Säugetiere.

Besonders reich an Calcium und Phosphor ist die Milch des Kaninchens. Mit 0,65% Calcium und 0,44% Phosphor ist ihr Gehalt an Ca und P somit ca. fünfmal höher als der von Kuhmilch. Auf dem Höhepunkt der Säugephase gibt die Häsin ca. 1,3g Ca/Tag mit der Milch ab (Kötsche, et al., 1990). Zum Vergleich: der Gehalt an Calcium in der Kaninchenmilch ist ca. doppelt so hoch wie der in Möhrenkraut (0,32%) oder Breitwegerichblättern (0,41%).

Der Harn des Kaninchens hat einen hohen, also basischen pH-Wert (ca. 8), was die Bildung von Konkrementen durch Ausfällen begünstigt, die auch durch die Anwesenheit bestimmter Stoffe entstehen können. Eine solcher Stoff ist z. B. die Oxalsäure. Sie wurde ursprünglich als Kaliumsalz im Waldklee entdeckt und wird deshalb auch Kleesäure genannt. Ihr Salz, das Calciumoxalat, entsteht unter anderem beim Absterben von Pflanzenzellen. Sie kommt in einigen Gemüsesorten und Kräutern vor. Gesicherte Quellen zum Einfluss auf die Blasensteinbildung durch Oxalsäure gibt es jedoch nicht.

Das Auftreten von Kalzinose wird unter anderem durch das Alter der Tiere, Magnesium, Vitamin D sowie dem Verhältnis von Phosphor-Calcium beeinflusst. Empfohlen wird ein Calcium/Phosphor-Verhältnis Ca : P = 1,5 : 1, wobei der Gehalt des Phosphors in der gesamten Futterration 0,5% nicht übersteigen sollte. Demzufolge sollte der Kalziumgehalt in der Nahrung also nicht mehr als 1% betragen. Vitamin D wird durch das Sonnenlicht gebildet und steuert den Calciumstoffwechsel. In Industriefuttermitteln liegt er oft höher.


Für eine Vermeidung von Kalzinose wird generell geraten, Kaninchen eine calciumarme Kost zu verabreichen. Den Haltern werden üblicherweise verschiedene Gemüsesorten aufgezählt, die sie nicht füttern sollten. Solche Empfehlungen verwundern eigentlich, denn wie bereits beschrieben, nehmen Kaninchen Calcium generell im Überschuss auf. Das folgende Diagramm gibt einen Überblick zu Kalziumgehalten in potentiellen Futtermitteln für Kaninchen. Die Werte stammen aus verschiedenen Quellen und sind gemittelt. Natürlicherweise unterliegen sie Schwankungen - bedingt durch Faktoren wie z. B. dem Alter der Pflanzen, dem Standort und so weiter. Im folgenden Diagramm sind die Calciumgehalte einiger Pflanzen(-teile) dargestellt.

Diagramm: Calciumgehalte verschiedener Futtermittel in mg/100g Frischesubstanz (aus Cheeke (1987), Hollmann (2001), Souci (2000), Uni Hohenheim (2011)

Anmerkung: in einer früheren Version des Diagrammes wurde für Möhrengrün versehentlich der Calciumgehalt für die Trockensubstanz von 1,94% angegeben. In der Frischesubstanz beträgt der Gehalt 0,32% und ist niedriger als z. B. der Gehalt in Breitwegrichblättern mit 0,41%.

Diagramm 2: Mittelwerte von Calcium für verschiedene, typische Futtermittel in der Heimtierhaltung

Diagramm 3: Menge bzw. Volumen der Nahrung am Beispiel von frischem und getrockneten Möhrengrün

Immer häufiger wird heute bei Blasen-/Nierenproblemen empfohlen, bestimmte Gemüsesorten wegzulassen, weil ihr Calciumgehalt problematisch wäre. Tatsächlich müsste man aber eigentlich die getrocknete Nahrung weglassen, weil diese die höchsten Gehalte aufweist. Heu besteht zu etwa 90% aus Trockensubstanz (TS). Das ist jener Teil der Nahrung, der nach einer Trocknung bei über 100°C übrigbleiben würde und praktisch alle Nährstoffe enthält. Der Rest, also 10%, ist Wasser. Gemüse enthält dagegen ca. 90% Wasser.

Vor Möhrengrün wird immer gewarnt, weil es viel Calcium enthalten würde, tatsächlich sind es 0,32% in der Frischemasse. Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was Wiesenheu enthält. Möhrengrün enthält aber wesentlich mehr Wasser als Heu, was für den Abtransport überschüssigen Calciums vorteilhaft ist. Entscheidend ist demnach nicht so sehr der Calciumgehalt im Futter, sondern die Wassermenge - also ob die Nahrung frisch oder getrocknet angeboten wird. In dem nebenstehenden Diagramm 3 wird versucht, diesen Fakt zu verdeutlichen: wenn ein Kaninchen die gleiche Menge Tropckensubstanzmenge frisst, befindet sich in dieser der gleiche Gehalt von 1,94% Calcium, aber durch den unterschiedlichen Wassergehalt wird dieser in der frischen Nahrung letztlich verdünnt. Der Fakt des hohen Wassergehaltes in den Pflanzen und das damit verbundene, hohe Volumen der Nahrung erklärt unter anderem auch den Vorschub des Nahrungsbreis im Magen und Darm. Und es erklärt auch, warum Wildlkaninchen ca. 30 Mal am Tag fressen - das begrenzte Fassungsvermögen des Magens lässt große Mahlzeiten nicht zu. Also muss die benötigte Menge auf mehrere verteilt werden. Den Tag verbringt es im Bau, wo es zusätzlich Blinddarmkot frisst, der den Magen füllt. Dieser kontinuierliche Prozess des Fressens bedingt eine relativ kurze Verweilzeit der Nahrung im gesamten Verdauungstrakt und lässt eine übermäßige Vermehrung schädlicher Bakterien gar nicht erst zu.

Eine erhöhte Konzentration von Calcium im Harn im Zusammenhang mit der Art der Nahrung wurde z. B. von Bucher (1994) bestätigt:

Diagramm 4: Wasseraufnahme und Calciumkonzentration in verschiedenen Futtermitteln (nach Bucher, 1994)

Die blauen Balken sind die aufgenommenen Wassermengen, die Punkte (durch eine Linie verbunden) zeigen die Konzentration von Calcium im Harn, die für Pellets am höchsten und für Grünfutter am niedrigsten liegt. Für die Kombination von zwei Trockenfuttern wie Heu und Mischfutter ist die Kankonzentration dreimal höher als für Grünfutter mit Pellets. Das zeigt, wie wichtig das Wasser in der Nahrung ist, welches durch zusätzliches Trinken nicht kompensiert werden kann.

In reichlich Wasser gelöste Mineralien werden vom Organismus wesentlich besser aufgenommen und verstoffwechselt als solche in trockener Nahrung oder Ergänzungspräparaten, zudem stehen in der natürlichen, frischen Nahrung auch jene Substanzen wie z. B. Aminosäuren zur Verfügung, die für den Stoffwechsel der Mineralien benötigt werden.

Wie bereits erwähnt, ist Calcium auch für den Knochenaufbau nötig. Wenn bei einem Kaninchen am Calcium "gespart" wird, kann es unter anderem zu Kiefer-Abszessen kommen, von denen man in einschlägigen Foren immer häufiger liest. Diese können auch durch Kalziummangel entstehen. Der Grund hierfür ist, dass fehlendes Calcium im Knochengewebe durch andere, "weichere" Stoffe ersetzt wird. Demzufolge wird auch der Kieferknochen "weicher" und somit anfälliger für Verletzungen, die zum Beispiel durch einspießende Heu- oder Strohalme entstehen können. In das verletzte Gewebe dringen Bakterien ein und eine Entzündung ist nur noch eine Frage der Zeit.

Zusammenfassend lässt sich zum Wassergehalt feststellen:
- weil es wesentlich mehr Wasser mit natürlicher Nahrung aufnimmt, gibt das Kaninchen auch viel größere
Harnmengen ab
- die großen Mengen an Harn spülen überschüssige Mineralien aus
- durch die hohen Flüssigkeitsmengen ist die Konzentration von Calcium im Harn niedriger
- die Wahrscheinlichkeit, dass Blasensteine entstehen, ist sehr gering
- die hohe Calciummenge in der natürlichen Nahrung garantiert ein gesundes Knochen- und Zahnwachstum

Für den Einbau von Calcium in Knochen und Zähne wird Vitamin D benötigt. Die Vorstufe dieses Vitamins wird im Körper gebildet und durch UV-Strahlung in Vitamin D umgewandelt. Demzufolge haben Kaninchen in Wohnungshaltung signifikant niedrigere Vitamin-D-Serumwerte als Kaninchen in Außenhaltung. Nach Harcourt-Brown (2002) ist im Blut von Kaninchen, die ohne natürliches Sonnenlicht gehalten werden und denen kein Vitamin D über das Futter zugeführt wird, nach 5 Monaten kein Vitamin D mehr nachweisbar.

Neben der Flüssigkeit spielen weitere Faktoren eine Rolle bei Erkrankungen der Harnwege. Dazu gehören:
- eine genetische Disposition
- das Alter des Tieres
- entzündliche Prozesse im Körper
- Erkrankungen der Niere
- falsche Ernährung
- Tumore
- hormonelle Störungen.

Was tun, wenn ein Kaninchen Probleme mit Blasengries oder -steinen hat?

1. Kalziumreiches Futter weglassen? Dann müsste man also das Heu und Trockenfutter vom Ernährungsplan streichen - denn sie verursachen a) die höchste Kalziumaufnahme und b) die geringste Wasserzufuhr, um überschüssiges Kalzium wieder loszuwerden. Natürlich kann man Heu nicht weglassen - es sollte immer zur Verfügung stehen. Die Tiere sollten aber nie gezwungen sein, dieses fressen zu müssen, weil nichts frisches, wasserreiches mehr da ist.

2. Gemüse enthält zwar viel Wasser, verfügt aber im Vergleich zu Gräsern und Kräutern über viel zu wenig Nährstoffe wie z. B. Proteine und Vitamine.

3. Wohnungskaninchen sollte zusätzlich Vitamin D zugeführt werden - besser wäre natürlich, Kaninchen an der frischen Luft zu halten, denn dadurch ergeben sich noch eine Reihe weiterer Vorteile für die Tiere

4. Ackerschachtelhalm ist ein Kraut, welches Kaninchen in der Natur oder bei artgerechter Fütterung zur Verfügung steht. Die Wirkung des Krautes ist eine aquaretische, also harntreibende (an Hunden und Ratten wurde diese nachgewiesen und gilt allgemein als plausibel (Reichling 2008)). Nur leider wird heute vor allen möglichen Pflanzen gewarnt, so auch vor dem Ackerschachtelhalm.

5. Eine Alternative wäre das Grün von Gemüse und Kräuter, die man in Supermärkten kaufen kann. Nachteile sind hier relativ hohe Kosten und die geringe Auswahl. Normalerweise wählen Kaninchen aus einem großen Spektrum verschiedener Pflanzenarten je nach Bedarf das aus, was sie benötigen. Eine geringe Auswahl wird den Bedürfnissen aber nicht gerecht, weil sie zu einem Mangel an Nähr- und Wirkstoffen führt.

Deswegen würden Kaninchen, wenn sie die Wahl hätten, Wiese kaufen.

Quellen:
Bucher, L. (1994): Fütterungsbedingte Einflüsse auf Wachstum und Abrieb von Schneidezähnen bei Zwergkaninchen. Berlin: Freie Universität. Diss.

Harcourt-Brown, F. (2002): Textbook of rabbit medicine. Oxford: Butterworth-Heinemann. ISBN 0-7506-4002-2.

Wolf, P.; Kamphues, J.; Probleme der art- und bedarfsgerechten Ernährung kleiner Nager als Heimtiere; Der praktische Tierarzt 12/1995; 1088-1092

Quellen für Kalziumgehalte:
Cheeke, P. R. (1987): Rabbit Feeding and Nutrition. Orlando, Florida: Academic Press Inc. ISBN 0-12-170605-2.

Hollmann P, Hollmann B.; Blasenschlamm als Ursache von Harnabsatzbeschwerden bei einem Zwergkaninchen; Tierärztl. Prax. 2001; 29 (K): 384-5; 392-7.

Souci, S. W. (2000): Die Zusammensetzung der Lebensmittel, Nährwert-Tabellen. 6th rev. and completed ed. Comp. by Heimo Scherz und Friedrich Senser. Stuttgart: Medpharm Scientific Publ. ISBN 3-88763-076-9.

Ernährungs-Informations-System der Universität Hohenheim