Bild 1: Der Verdauungstrakt des Kaninchen und die Stationen der Verdauung
Kaninchen kauen ihre Nahrung sehr gründlich, wobei die natürliche Nahrung wie Gräser und Kräuter gut zerkleinert werden kann. Während des Kauens wird die Nahrung eingespeichelt, wodurch erste Verdauungsprozesse bereits hier beginnen: die Amylase im Speichel baut Stärke ab. Mit den Schneidezähnen werden Blätter zerteilt und über den Zahnzwischenraum (Diastema) zwischen die Backenzähne geschoben. Dort wird sie gründlich gekaut.
In der englischsprachigen Literatur findet sich dafür oft der Begriff "masticate", zu deutsch "mastizieren", was diese Prozedur eigentlich treffend beschreibt. Der Begriff kommt ursprünglich aus der kautschukverarbeitenden Industrie und beschreibt den Prozess des Knetens von Kautschuk und die damit verbundene Zerkleinerung der Struktur durch das Brechen von Molekülketten. Dadurch wird der Kautschuk weicher und lässt sich besser weiterverarbeiten.
Im Prinzip passiert beim Kauprozess das Gleiche: die langfaserige Struktur der Pflanzen wird durch das Kauen und Mahlen zwischen den Backenzähnen "abgebaut", also zerkleinert. Nach dem Abschlucken der Nahrung wandert sie in den Magen. Dieser ist nur schwach bemuskelt, weshalb eine Durchmischung der Nahrung so gut wie nicht stattfindet - sie wird in Schichten eingelagert. Der Magen wird normalerweise nie wirklich leer. In der Zeit, die das Kaninchen ohne Nahrungsaufnahme im Bau verbringt, wird mit dem Fressen von Blinddarmkot verbracht.
Durch das Fressen von weiterer Nahrung und dem Muskel am Magenausgang wird der Nahrungsbrei (Chymus) in den Verdauungskanal gedrückt. Hier wirken vor allem Gallensaft und Bauchspeicheldrüsenssekrete sowie Sekrete der Dünndarmschleimhaut mit entsprechenden Substanzen und Enzymen verdauungsfördernd.
Im weiteren Verlauf des Verdauungstraktes findet sich eine Besonderheit, wie sie nur die Lagomorpha (Hasenartige) aufweisen. Unverdauliche und grobe Partikel aus der Nahrung werden durch den Dickdarm transportiert und schnell als Hartkot ausgeschieden. Kleine, gut verdauliche Partikel hingegen werden am "Fusus Coli" wieder zurück in den Blinddarm befördet, wo sie von Bakterien weiter abgebaut und verwertet werden. Dadurch entsteht ein sehr energie-, protein- und vitaminreicher Brei, der als Blinddarmkot ausgeschieden und vom Kaninchen wieder aufgenommen wird. Diese Besonderheit gibt dem Tier die Möglichkeit, längere Zeiten ohne Nahrung und Wasser zu überstehen. Diese Möglichkeit ist jedoch zeitlich begrenzt, denn dieser Kot vermag nicht alle Bedürfnisse in ausreichendem Maß zu befriedigen.
Bild 2: Trennungsmechanismus im Dickdarm des Kaninchens
Die Nahrung, die aus kleinen (Blau) und groben, großen (Braun) Partikeln besteht, gelangt in den vorderen Teil des Dickdarms (proximal colon). Die groben, großen Teilchen werden weiter in Richtung hinteren Dickdarm (distal colon) und Darmausgang befördert, wo sie als Hartkot ausgeschieden werden. Dieser hat demgemäß einen hohen Anteil an groben Fasern. Die kleinen Teilchen werden durch rückläufige Kontraktionen des Dickdarms (retrograde Peristaltik) in den Blinddarm gefördert und so von den groben Teilchen getrennt. Im Blinddarm verwerten Bakterien die kleinen und leicht verdaulichen Partikel. Dadurch entsteht ein Brei, der reich an Bakterienprotein,Fettsäuren und Vitaminen ist. Er wird später ausgeschieden und direkt vom After wieder aufgenommen.
Für die Verdauung steht dem Kaninchen nur begrenzte Zeit zur Verfügung, außerdem besteht die Nahrung aus sehr viel Wasser. Deshalb meidet das Kaninchen normalerweise sehr rohfaserhaltige Nahrung. Die groben Fasern passieren relativ schnell den Darm, so dass nur wenig Zeit zur Verfügung steht, Nährstoffe aus solcher Nahrung zu beziehen. Das große Volumen sorgt für einen steten Nahrungsvorschub und somit ebenfalls für einen schnellen Transport von Nahrung, weshalb gut verdauliche Partikel nicht zu lange im Blinddarm verbleiben und dort zu gären anfangen. Dies würde zu einer übermäßigen Vermehrung von Bakterien führen.
Links sind die Aufnahmemengen von verschiedenen, möglichen Futtermitteln dargestellt: Gräser & Kräuter, Pellets und Heu sowie Heu und Gemüse. Angenommen wird, dass ein Tier, welches 2 kg wiegt, 150g Trockenmasse am Tag frisst. Das entspricht der oberen Grenze vieler Darstellungen in der Fachliteratur. Errechnet wurde jetzt, bezogen auf diese Trockensubstanzmenge (TS), die Aufnahme des Futters und des darin enthaltenen Wassers.
Was sehr deutlich wird: mit der artgerechten Nahrung nimmt das Kaninchen etwa 30% seiner Körpermasse auf. Auf Grund des Volumens dieser Menge wird ein kontinuierlicher Vorschub der Nahrung gewährleistet, da der Magen nie leer wird. Mit Heu wird nur 1/4 dieser Menge, mit Pellets gar nur 1/10 dieser Menge realisiert. Auch mit Heu und restriktiver Gemüsefütterung wird nicht einmal die Hälfte der Menge bzw. des Volumens des artgerechten Futters erreicht.
Extrem auch die Unterschiede in der Wasseraufnahme: fast ein halber Liter mit Gräsern & Kräutern, mit Heu und Pellets ein verschwindend geringer Anteil von 17 bzw. 6g. Gegenüber Tieren, die artgerecht ernährt werden, müssten diese Kaninchen über 400g bzw. fast einen halben Liter zusätzlich trinken, um die vergleichbare Menge aufzunehmen. Selbst mit zusätzlichem Gemüse bei einer Heufütterung beträgt die damit aufgenommene Wassermenge nicht einmal ein Viertel der artgerechten Fütterung. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Tiere, die von der Wiese fressen, trotzdem durchaus noch zusätzlich Wasser aufnehmen, was den Unterschied uneinholbar macht.